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TSCHERNOBYL – Unsere Reise in die Sperrzone

„WAAAAAAAAAS? Seid ihr lebensmüde?“ Mittlerweile sind wir ja Reaktionen wie diese schon gewohnt, dennoch ist es immer wieder amüsant, wie so manche Leute auf unsere Reisepläne reagieren ;-). Erstaunt hat uns jedoch dieses Mal auch, wie viele von euch großes Interesse gezeigt haben und uns gesagt haben, wie cool sie es finden, dass wir nach Tschernobyl reisen. Was wir dort erlebt haben, wie gefährlich die Reise war und welcher Strahlung wir ausgesetzt waren, erzählen wir in diesem Beitrag…

verlassener Kindergarten in der Sperrzone


Der „Tschernobyl-Hype“

Vor 2 Jahren hätte es diese interessierten und positiven Rückmeldungen vermutlich noch nicht so gegeben. Denn wir denken, dass vor allem der riesengroße Hype um die Serie, die vor kurzem erst im österreichischen Free-TV lief, dazu beigetragen hat. (Für alle, die die 5-teilige Serie noch nicht gesehen haben, legen wir diese sehr ans Herz! Die Serie heißt „Chernobyl“ und ist aus dem Jahr 2019. *unbezahlte Werbung :-D)

Am 26. April 2021 war es genau 35 Jahre her, dass sich der Unfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl ereignet hat. Bevor wir euch hier von unserem Tag in der Sperrzone berichten, noch kurz eine kleine Auffrischung, was damals eigentlich geschehen ist…

im Hintergrund: Sarkophag des Reaktor IV

Was geschah damals überhaupt?

Ursprünglich sollte im Reaktorblock IV des Kraftwerks eine Art Sicherheitstest durchgeführt werden. Von Anfang an gab es Probleme, doch der Test wurde immer weiter vorangetrieben, bis es schließlich zu einer, später auch noch zu einer zweiten, Explosion kam. Dadurch wurde das extrem gefährliche radioaktive Material in die Atmosphäre geschleudert, und verseuchte so weite Teile Russlands, Weißrusslands und der Ukraine. Wie wir heute wissen, zog sich die radioaktive Wolke bis nach Mitteleuropa.

Rasch wurde mit der Bekämpfung des Feuers begonnen, ohne jedoch darüber nachzudenken, welcher großen Gefahr sich die Helfer aussetzen. Auch die umliegende Bevölkerung wurde viel zu spät informiert und evakuiert. Viel zu lange (tagelang!) wurde versucht, den Unfall zu vertuschen, und der Welt zu verheimlichen, was sich in Tschernobyl tatsächlich ereignet hat.

direkt vor dem ehem. Reaktor IV
bei diesem Laster schlug der Geigerzähler Alarm

Eine Maßnahme, um die Strahlenbelastung einzudämmen, war es, das Dach des Reaktorblocks von radioaktivem Material zu säubern. Diverse Roboter, die man dafür einsetzte, haben alle rasch aufgrund der hohen Strahlung versagt. Also wurden sogenannte „Liquidatoren“ eingesetzt: Menschen, die innerhalb kürzester Zeit so viel Material wie möglich vom Dach entfernen sollten. Der Name „Liquidatoren“ deshalb, weil sie die Folgen der Katastrophe liquidieren, also beseitigen sollten.

„Roboter-Friedhof“
vor allem Fahrzeuge sind heute noch sehr radioaktiv

Erst später wurde dann ein Sarkophag aus Stahl und Beton gebaut, um weiteren Austritt von radioaktivem Material (vor allem Staub) zu verhindern. Dadurch ist es heute auch möglich, ohne große Gefahr so nahe am Unfallort zu stehen. Die WHO schätzt, dass bei den Aufräumarbeiten und der Errichtung des ersten Sarkophages insgesamt 600.000 bis 800.000 Menschen beteiligt, das heißt sehr hoher Strahlenbelastung ausgesetzt waren und extreme gesundheitliche Schäden davon getragen haben bzw. auch verstorben sind.

Es gibt heute schon ziemlich viele und teils detaillierte Theorien, wie es zu diesem Unfall gekommen ist. Doch auch Jahrzehnte nach dem Unglück ist noch immer nicht abschließend geklärt, was genau in Tschernobyl wirklich geschah.

Übrigens: Trotz der Explosion blieben die anderen drei Reaktoren des Kraftwerks in Betrieb. Der letzte wurde erst im Jahr 2000 endgültig abgeschaltet Auch heute sind noch rund 4000 Arbeiter*innen in der Sperrzone tätig, um den „Abbau“ des Kraftwerkes zu garantieren.


Wie gefährlich ist eine Tour nach Tschernobyl heute?

Das kommt darauf an, welchen Teil der Sperrzone man betritt. In einem 30-Kilometer-Radius um den Unglücksort wurde eine Sperrzone errichtet. Vor allem in der 10-km-Zone gibt es noch sehr gefährliche Orte mit einer Strahlung von 600 bis 800 Mikrosievert pro Stunde.

Während einer Tagestour durch die Sperrzone erfährt der Körper jedoch durchschnittlich eine Strahlendosis, die vergleichbar mit der natürlichen Strahlung um uns herum ist. Strahlung ist grundsätzlich ein üblicher Weg um Energie abzugeben und sie ist überall auf der Welt zu finden, selbst in unserem Körper. In Österreich sind wir z.B. pro Jahr einer natürlichen Strahlung von etwa 0,23 Mikrosievert pro Stunde ausgesetzt.

Darüber hinaus gibt es Dinge, durch die wir eine viel höhere Strahlenbelastung erfahren: beispielsweise bei einem Zahn-Röntgen oder durch einen Flug. Ein einstündiger Flug zum Beispiel verursacht eine Strahlenbelastung von 10 bis 20 Mikrosievert. Ein ganzer Tag in der Sperrzone von Tschernobyl verursacht etwa 40 Mikrosievert.

Quelle: www.cheronbylwel.com

Die „radioaktive Strahlung“ ist innerhalb der Sperrzone heutzutage jedoch meist nicht mehr in der Luft, sondern im Boden versickert. Jedes Jahr sickert sie rund 1 cm weiter in das Erdreich. Dennoch gibt es heute noch immer sogenannte „Hotspots“, wo auch unsere Geigerzähler rasch Alarm schlugen und wo man sich nicht lange aufhalten sollte. Die Reiseveranstalter, die Touren nach Tschernobyl anbieten, haben jedoch sichere Routen entwickelt, in denen man für gewöhnlich diese gefährlichen Orte meidet. Aus diesem Grund ist es auch nicht erlaubt, auf eigene Faust in die Sperrzone zu gelangen. Man kann nur mit einer geführten Tour das Gebiet betreten.

Vor dem „Tschernobyl“-Sign
Verlassene Schule innerhalb der Sperrzone
in Pripyat

Unsere Tour in der Sperrzone

Wir haben uns im Internet informiert und uns schlussendlich für den Anbieter „Chernobylwel.com“ entschieden. Die Tagestour inkl. Mittagessen hat uns 119 Euro gekostet. Wir wurden an einem Treffpunkt im Zentrum von Kiew um 8 Uhr morgens abgeholt und am gleichen Platz abends gegen 20 Uhr auch wieder abgesetzt. Die Tour war leider nicht sehr besonders finden wir. Alles in allem eher „Standard“, denn von anderen Berichten und Tour-Anbietern haben wir nämlich ein besseres Programm gehört und so mehr erwartet. Nichtsdestotrotz fanden wir den Tagesausflug echt cool und interessant – ein Tag in Tschernobyl ist doch irgendwie für jede Person etwas besonderes. Vermutlich würden wir euch aber einen anderen Tour-Anbieter empfehlen.

Zur eigenen Sicherheit erhielten alle Reiseteilnehmer*innen auf unserer Tour einen persönlichen Dosimeter, der die gesammelte Strahlung während der gesamten Führung gemessen hat. Außerdem gab es insgesamt drei „Checkpoints“, wo wir auf radioaktives Material getestet wurden. Wir hatten auch alle einen Geigerzähler mit dabei, der uns jeder Zeit vor hoher Strahlung gewarnt hätte.

Dosimeter
Geigerzähler
Checkpoints

Wir besuchten die Zone in ganz normaler Kleidung, ganz ohne spezielle Schutzmittel. Man braucht weder besondere Atemschutzgeräte, noch einen Chemieschutzanzug. So stellen sich das vermutlich viele von euch heute noch vor. Festes Schuhwerk und langärmelige Kleidung sind zum Schutz vor der noch vorherrschenden Strahlung jedoch notwendig. Lange Kleidung – auch bei 35 Grad, wie das bei uns der Fall war.


Pripyat – eine Geisterstadt

Das Highlight der Tour war auf alle Fälle der Besuch der Stadt Pripyat. Bis zum Reaktorunglück lebten in der Stadt rund 50.000 Menschen. Pripyat war eine reine „Arbeiterstadt“: sie wurde 1970 eigens für die Arbeiter im vier Kilometer entfernten Atomkraftwerk Tschernobyl gebaut. Interessant ist: das Durchschnittsalter der Bevölkerung lag bei nur 26 Jahren. Der Ort war vor allem bei jungen Familien stark beliebt! Es gab zahlreiche gute Schulen, ein großes kulturelles Angebot und generell eine gute Infrastruktur. Das lockte viele Menschen in die Kleinstadt.

vor dem „Ortsschild“ von Pripyat
ehemaliger Supermarkt

Das tragische an Pripyat: die Bevölkerung wurde erst über einen Tag nach der Katastrophe informiert und evakuiert. Zu diesem Zeitpunkt waren die Menschen jedoch schon einer extremen Menge an radioaktivem Material ausgesetzt. Als es dann endlich zur Evakuierung kam (es wurden zahlreiche Busse bereitgestellt) wurde den Bewohner*innen gesagt, sie sollen sich für eine dreitägige Abwesenheit ausrüsten – eine natürlich völlig utopische Vorgabe. Bis heute gilt Pripyat als „Geisterstadt“ und zählt keine Bewohner*innen.

Der Freizeitpark von Pripyat ist einer der bekanntesten Orte in der Sperrzone von Tschernobyl, und DER Instagram Hotspot schlecht hin. Doch was die wenigsten wissen: Der Rummelplatz mit dem bekannten Riesenrad war noch gar nicht in Betrieb. Er sollte 4 Tage nach der Atomkatastrophe feierlich eröffnet werden. Doch dazu kam es natürlich nicht mehr…. Auch einen ehemaligen Supermarkt, das Rathaus, einen Kindergarten, Musikschule, und weitere Orte haben wir bei unserem Spaziergang durch Pripyat besucht.

Extrem spannend fanden wir auch die Flora und Fauna der Gegend. Es ist erstaunlich, wie sich die Tiere und Pflanzen den Lebensraum zurückerobert haben. Forscher*innen studieren dieses Thema schon seit Jahren. Pripyat ist völlig verwachsen, und teilweise kann man Hochhäuser am ersten Blick von der Straße aus garnicht erkennen, weil alles so verwachsen ist.


Welche „Sehenswürdigkeiten“ besucht man sonst noch auf der Tour?

Wir sind mit einem Kleinbus in der Sperrzone unterwegs gewesen, und immer wieder mal ausgestiegen, eine Zeit lang zu Fuß unterwegs gewesen, und dann wieder weiter gefahren. Dabei sind wir auch am „roten Wald“ vorbei gefahren. Der Kieferwald wurde durch den Unfall besonders hart getroffen. Aufgrund der hohen Strahlendosis starben nicht nur alle Bäume ab, sondern es verendeten auch die meisten Tiere. „Roter Wald“ heißt er wegen der rotbraunen Farbe der abgestorbenen Kiefernstämme. Als wir dort vorbei fuhren, schlug unser Geigerzähler Alarm: er hörte gar nicht mehr auf zu piepsen. Denn der „Rote Wald“ gehört heute zu den Orten, die noch am meisten radioaktiv verseucht sind. Inzwischen hat sich die Fauna wieder erholt, und es leben hier Braunbären, Wölfe, Wild-Pferde uvm.

Die Tiere trauen sich langsam zurück…..
Tribühne des ehemaligen Fußballstadions

Vor einem Besuch in der Sperrzone haben die wenigsten davon gehört: Das Dugar-Radar war eine Abhöranlage und Herzstück der sowjetischen Atomkriegspolitik. Es ist 150m hoch und 650m lang. Das System war in der Lage, Ziele in einer Entfernung von bis zu 9.000 Kilometern aufzuspüren! Lange Zeit wusste niemand von dieser geheimen Antenne – erst durch die Katastrophe von Tschernobyl erfuhren die Menschen von diesem besonderen Ort. Obwohl sich das Duga-Radar innerhalb der 10km-Sperrzone befindet, zählt es heute als einen der „sichersten“ Orte (in Bezug auf Radioaktivität) innerhalb der gesamten Sperrzone.


Unser Fazit

Der Ausflug nach Tschernobyl war definitiv besonders. Er erinnerte uns daran, was für schlimme Folgen so ein Unfall wie dieser für Mensch und Natur haben kann. Und wie wir immer wieder betonen: als Reisende*r und Tourist*in gehören auch die traurigen Facetten zum Reiseprogramm. Warum es für uns selbstverständlich dazu gehört, auch Orte wie Tschernobyl zu besuchen, kannst du übrigens in einem eigenen Blogbeitrag lesen: „Dark Tourism – warum wir ungewöhnliche Orte besuchen“.

Na, wie sieht’s aus… Würdest du dich auch auf die Reise nach Tschernobyl begeben? 🙂

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